trnd-Projekt Nokia Lumia 800: Bedienung und Oberfläche

In den bisherigen Posts habe ich bereits meinen ersten Eindruck von der guten Verarbeitung des Nokia Lumia 800 geschildert, sowie die etwas unbefriedigende Zwangs-Verbindung zu Zune beschrieben. In der Zwischenzeit habe ich das Handy seit mehr als einer Woche täglich im Einsatz und lerne die Bedienung immer besser kennen.

Allgemeiner Eindruck
Windows Phone ist vor allem eines: schnell! Ich kann es nur mit Android 2.3 auf einem Samsung Galaxy S vergleichen – und das ist eigentlich schon eines der schnellen Geräte. Während Android hier und da ruckelt, hängt, sich eine Sekunde Bedenkzeit genehmigt, ist Windows Phone bereits einen Schritt weiter. Sicher verstärkt der 1.4 Ghz Prozesser im Nokia Lumia 800 noch den positiven Eindruck, langsam ist das System aber vermutlich auch auf den 1 Ghz-Geräten nicht. Auch das Booten ist mit knapp 20 Sekunden schnell erledigt. Gerade als Android-Nutzer bin ich da deutlich längere Wartezeiten gewohnt.
Zweites Merkmal ist natürlich das Design. Metro-Oberfläche nennt sich das Kachel-Layout, die im Zusammenspiel mit der starken typografischen Struktur eine aufgeräumte Darstellung bietet. Das ist so herrlich erfrischend gegenüber diesen 4×5 Icon-Grids der iOS und Android-Konkurrenz, dass Windows Phone allein dafür schon einen Bonuspunkt verdient hat. Noch dazu ist jede Bewegung die der Nutzer auslöst animiert, es wischt und klappt, die Tastentöne plocken, dass es eine wahre Freude ist. Folgendes Video gibt einen Eindruck der Oberfläche wieder.

Dabei verzichtet WP auf umfangreiche Customizing-Möglichkeiten. Der Nutzer kann eigentlich nur die Akzentfarbe ändern (die Grundfarbe der Tiles) sowie den Hintergrund (Schwarz bietet sich einfach aus Kontrastgründen schon an). Zusätzlich können die Live-Tiles – so heißen die Kacheln auf der Startseite mit den Kurz-Infos aus der App – beliebig angeordnet, gelöscht und hinzugefügt werden. Das war’s. Keine Widgets, keine zig Homescreens, keine Dock-Leiste, nix. Ich verwende unter Android viele Widgets. Ein Teil davon lässt sich auch durch Live-Tiles darstellen (z.B. Tasks und Termine), aber es gibt durchaus Widgets die ich nicht mehr missen möchte. Für die meisten Nutzer ist das aber sicher kein großer Verlust und somit deren Fehlen sicher kein Nachteil für Windows Phone.

Die Akku-Leistung des Gerätes hinterlässt dagegen einen zwiespältigen Eindruck. Nokia wird in den nächsten Tagen erneut ein Update rausbringen welches wohl wieder an der Performance des Akkus optimieren wird, aber bis dahin ist im Falle von eingeschalteten Datenverbindungen über 3G der Akku nach 10 bis 14h leer. Das ist eindeutig zu wenig. Schaltet man allerdings auf Edge, schafft man auch locker zwei Tage. Ich werde das aber noch eine Weile beobachten, schließlich soll man auch ein paar Ladezyklen abwarten, bis man sich ein abschließendes Urteil bildet.

Bedienung
In allen Anwendungen mit Menüstruktur wird seitwärts gescrollt. Auf diese Weise werden die verschiedenen Screens einer Oberfläche durchlaufen. Das funktioniert gut, solange der Menüpunkt treffend benannt ist, da das große Schriftbild nicht immer auf den Screen passt (eine Nebenwirkung des Designs). Auch ist das „Ende“ des Menüs nicht immer ersichtlich, da nach dem letzten Menüpunkt einfach wieder der erste folgt. Das Schriftbild der Menüs nimmt immer recht viel Platz ein, aber der Content kommt meiner Meinung nach trotzdem nicht zu kurz.

Wichtig an einem Smartphone ist das Schreiben oder das Handling von Textauswahl. Beides beherrscht das System gut. Der Bildschirm vom Nokia ist großartig und reagiert sehr genau auf meine Eingaben. Das Schreiben wird durch einen Tastenton quittiert, wobei die Buchstaben einen anderen Ton abgeben, als die Umschalter und Sondertasten. Das unterstützt beim schnellen Schreiben. Auch die Worterkennung ist ganz gut und man kann aus einer Reihe vorgeschlagener Worte wählen, oder durch einen kurzen Tap auf das geschriebene Wort, dieses durch anschließendes Klicken in der Vorschlagsleiste in das Wörterbuch aufnehmen. Das ist intuitiv und effektiv.

Möchte man einen geschriebenen Text verändern oder sich darin bewegen, genügt ein langer Finger-Tap und es erscheint ein Cursor in einer Art Zoom-Ansicht. Nun streicht man über den Bildschirm bis der Cursor an der gewünschten Position ist und lässt dann los. So trifft man sicher die richtige Position. Bei Android war das immer ein Krampf. Mit einem kurzen Tap markiert man ein Wort und kann dann durch Wischen nach links und rechts den Auswahlbereich verändern und auf das Copy-Symbol tippen um den Text zu kopieren um ihn an anderer Stelle wieder einfügen zu können. Solange man den Text noch nicht eingefügt hat, ist das Paste-Symbol etwas prominenter in der Wort-Vorschlagszeile dargestellt. Hat man die Zwischenablage einmal eingefügt, schiebt sich das Symbol über den Bildschirmrand, denn nun ist es ja unwahrscheinlich, dass ich den Text noch mal verwende. Aber ich könnte durch zweimaliges Tippen noch einmal die Zwischenablage einfügen. Ich beschreibe das deshalb so ausführlich, weil es diese Kleinigkeiten sind, die Windows Phone so stimmig machen.

Etwas rudimentär ist die Multitasking-Funktion in der aktuellen Version von Windows Phone. Durch langes drücken auf den Zurück-Pfeil, kommt man in die Task-Manager-Ansicht. Hier kann ich horizontal durch die zuletzt verwendeten Anwendungen scrollen und dorthin zurück wechseln. Einfaches drücken auf zurück reagiert in der jeweiligen Anwendung. Allerdings merkt sich das OS auch die vorherigen Bildschirme, so dass ich auch aus der aktuellen Anwendung raus kann, in die vorige wechsle und irgendwann in die Ansicht wechsle, die davor offen war. Das ist nicht wirklich ein Feature sondern der Multitasking-Architektur geschuldet. Die Screens und Apps werden auf einen gemeinsamen Stack gelegt und den geht man halt von oben nach unten wieder zurück (einfach ausgedrückt). Ich fände es gut, wenn man nach dem verlassen der aktuellen App auf dem Startscreen landet.

Ein Witz ist die Lautstärke-Einstellung. Es gibt keine getrennte Lautstärke-Regelung für Ruftöne und Anwendungen. So macht man die Musik leise, weil man sie über Kopfhörer hört, und verpasst anschließend Anrufe, weil der Klingelton über die Lautsprecher nun zu leise ist.

Etwas mühselig sind die Einstellungen zu erreichen. Die mobile Datennutzung, die Ortungsfunktion, das Wi-Fi oder auch den Flugzeugmodus erreicht man nur über die jeweiligen Einstellungs-Screens. Das ist doch etwas umständlich, denn wenn man Akku-Pflege betreibt aber dennoch punktuell auf die Dienste angewiesen ist, dann wäre ein direkterer Zugriff wünschenswert. Hier muss man sich mit Apps behelfen. 

Hat man die Ortungsfunktion aktiviert, klappt die Ortung mit dem Nokia sehr schnell. Allerdings sehe ich keine Möglichkeit, die Art der Ortung zu beeinflussen. Zwar unterstützt das Handy die Ortung per GPS, A-GPS oder über das Mobilfunknetz, aber ich kann an keiner Stelle die Art der Ortung beschränken. So muss ich d
avon ausgehen, dass bei eingeschalteter Ortungsfunktion auch immer GPS an ist. Nach meinen Erkenntnissen ein Akku-Sauger. Beim Samsung Galaxy S kann ich das separat aktivieren.

Weitere Features
In der Handhabung gibt es einige nette Features, die Microsoft seinem Betriebssystem verpasst hat. Da wäre zunächst die Sprachsteuerung. Diese ist zu erreichen, wenn man die Start-Taste (die mittlere der Hardware-Tasten) kurz gedrückt hält. Dann kann man „SMS an xy“, „xy anrufen“, „starte Musik“ oder „Finde dies und das in Berlin“ sagen. Letzteres liefert dann die Ergebnisse auch für die Umgebung, sofern die Ortung erlaubt und eingeschaltet wurde. Auch die SMS kann diktiert und per Sprachbefehl abgesendet werden. Außer zum aktivieren der Sprachsteuerung braucht man die Hände dabei gar nicht mehr. Darüber hinaus wird das Gesprochene als Buchstabendurcheinander animiert bevor es dann aufgelöst und zur Kontrolle wiederholt wird. Die Bedienung und Suche per Sprachbefehl macht auf dem Nokia Lumia 800 Spaß und funktioniert (gefühlt) besser als auf meinem Samsung Galaxy S.

Der Kontakte-Hub bietet die Möglichkeit, neben dem Windows Live Account auch Twitter oder Facebook einzubinden. Auf diese Weise hat man mehrere Netzwerke in einem gemeinsamen Stream und kann nahtlos zwischen Facebook und SMS-Nachrichten mit einem Kontakt wechseln. Allerdings habe ich das Feature wieder deaktiviert, denn ich meine es hätte etwas zu stark am Akku gesaugt. Das werde ich bei Gelegenheit aber noch mal testen. Alternativ kann man sich die jeweiligen Apps der Netzwerke aus dem Marketplace installieren.

Microsoft hat dem System eine umfangreiche Bing-Suche spendiert. Durch Berühren der Suche-Taste kommt man auf den Bing-Screen. Hier kann man entweder eine Suche einsprechen oder eingeben, einen Barcode scannen (hierfür braucht man also keine extra-App), oder auch den aktuell gehörten Song aus dem Radio suchen (ähnlich Shazam). Die Ergebnisse werden in der App-View dargestellt (nicht im Browser) und sind nach Internet, Lokal und Bilder unterteilt. Das ganze ist sehr gut umgesetzt – wenn man nur nicht auf Bing beschränkt wäre. Zwar kann man eine Google Search-App installieren (und auf den Startscreen ablegen), aber so umfangreich und schön umgesetzt wie die System-Suche ist diese natürlich nicht.

Fazit
Das Nokia macht sehr viel Spaß. Zunächst habe ich hauptsächlich die Nachteile gesehen, wie etwa die fest verbaute Bing-Suche, oder die fehlende Möglichkeit eine Webseite direkt in Evernote zu speichern (bei Android kann ich fast jeden Content mit allen Apps teilen, die diesen Content verstehen), oder die fehlenden Widgets. Ich kann auch nicht mehrere Bilder auf einmal in der Bilder-App löschen (warum?). Aber davon abgesehen macht die Bedienung einfach sehr viel Spaß. Und es sieht toll aus. Das war auch schon bei WebOS so. Viele kleine Details, die das Betriebssystem besonders machen. Hoffen wir mal, dass die Entwickler langsam aktiver werden. Denn das tolle Gesamtbild hebt den derzeitigen Nachteil in Sachen fehlender Apps nicht auf.

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